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Es ist klein und unscheinbar, aber hat es in sich: Am Bahnübergang Am Pulverhof hat die Deutsche Bahn ein Elektronisches Stellwerk (ESTW) errichtet. Es soll die alten Relaisstellwerke in Wandsbek und später auch Rahlstedt ablösen. Eigentlich sollte es bereits Ende Mai 2024 in Betrieb gehen, dann Ende 2024, dann im Oktober 2026. Doch auch daraus wird nun wieder nichts, erfuhr der Rahlstedter SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ole Thorben Buschhüter. Von der Inbetriebnahme hängen wesentliche Bauarbeiten für die neue S-Bahn-Linie S4 ab, die sich damit ebenfalls verzögern.

Grund für die Verzögerung

Die Bahn begründet die verzögerte Inbetriebnahme des neuen ESTW Wandsbek mit zwingenden signaltechnischen und softwareseitigen Abhängigkeiten im Gesamtnetz. Das neue Stellwerk baue logisch auf den Softwarearchitekturen der benachbarten Stellwerke Hamburg Hauptbahnhof und Rothenburgsort auf, so die Bahn. Weil aber das neue ESTW Rothenburgsort erst mit Verspätung realisiert werden konnte und der Hersteller Siemens einen Mindestabstand von sechs Monaten zwischen aufeinanderfolgenden Software-Großinbetriebnahmen vorschreibt, war der Termin für die Inbetriebnahme des ESTW Wandsbek nicht mehr zu halten.

Die Verschiebung dürfte der Bahn aber durchaus zupass kommen: Denn mit der Außerbetriebnahme des alten Stellwerks Wandsbek kann der Bahnübergang Jenfelder Straße nicht mehr weiterbetrieben werden. Er soll im Zuge des Baus der S4 ohnehin ersatzlos aufgehoben werden. Doch dafür ist der Planfeststellungsbeschluss im S4-Planungsabschnitt 2 (Luetkensallee – Landesgrenze) notwendig und der liegt immer noch nicht vor. Solange der Bahnübergang Jenfelder Straße bestehen bleibt, muss auch das alte Stellwerk Wandsbek in Betrieb bleiben.

Wann soll es nun soweit sein?

Die Bahn strebe nun das erste Halbjahr 2027 für die Inbetriebnahme des neuen Stellwerks an, wobei ein verbindlicher Inbetriebnahme-Termin zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht benannt werden könne. An anderer Stelle in der Antwort ist von einer Umschaltung der Leit- und Sicherungstechnik auf das neue ESTW im Sommer 2027 die Rede.

Sperrpause kommt trotzdem

Die für die Inbetriebnahme des ESTW Wandsbek angesetzte Sperrpause vom 3. bis 19. Oktober 2026 bleibt indes bestehen. Die Bahn nutzt den Sperrzeitraum für verschiedene Bauarbeiten, u.a. an den neuen Unterführungen Claudiusstraße und Schloßgarten. Außerdem werden zwischen Hasselbrook und Wandsbek Gleise erneuert, anderenfalls drohen dort Langsamfahrstellen, und sicherheitsrelevante Signalkabel werden ausgetauscht.

Zweigleisigkeit der Horner Kurve lässt möglicherweise noch länger auf sich warten

Auch die Inbetriebnahme der Zweigleisigkeit der sogenannten Horner Kurve (Verbindung zwischen der Strecke Lübeck-Hamburg und der Güterumgehungsbahn) verzögert sich weiter. Obwohl das zweite Gleis dort schon seit langem liegt und es zusammen mit dem ESTW Wandsbek in Betrieb genommen werden sollte, wird daraus auch 2027 nichts. Weil noch Stützwände fehlen, geht die Bahn nach heutigem Stand von einer Inbetriebnahme des zweiten Gleises erst nach Abschluss der Korridorsanierung der Strecke Lübeck-Hamburg im Dezember 2028 aus.

Fehlendes ESTW bremst auch die S4-Bauarbeiten aus

Die Inbetriebnahme des ESTW Wandsbek stellt für die Bahn eine wesentliche Voraussetzung für den weiteren Baufortschritt im S4-Abschnitt 1 (Hasselbrook – Luetkensallee) dar. Die Fortsetzung beziehungsweise die Fertigstellung mehrerer zentraler Teilbaumaßnahmen ist erst möglich, wenn das ESTW Wandsbek in Betrieb ist, weil erst dann die alten Signale abgebaut werden können und damit das Baufeld für den Bau der S4-Gleise frei ist.

„Die S4-Bauarbeiten gehen selbst im Abschnitt 1, wo seit fünf Jahren Baurecht besteht, nur im Schneckentempo voran. Zwar ist der Baufortschritt am Überwerfungsbauwerk Hasselbrook, dem Herzstück des Projekts S4, erkennbar, aber an anderer Stelle kommt es immer wieder zu neuen Verzögerungen. Das ist total frustrierend“, sagt Buschhüter

Buschhüter fordert Verschiebung der Korridorsanierung

Die Bahn plant, im zweiten Halbjahr 2028 die Strecke Lübeck-Hamburg für eine Korridorsanierung für fünf Monate komplett zu sperren. Im Windschatten dieser Totalsperrung sollten ursprünglich auch die S4-Bauarbeiten von/bis Rahlstedt abgeschlossen werden. Das ist mittlerweile aber völlig unrealistisch geworden, da der Planfeststellungsbeschluss des Eisenbahn-Bundesamts für den Abschnitt 2 (Luetkensallee – Landesgrenze) weiter auf sich warten lässt. Buschhüter meint: „Die ursprüngliche Idee, mit Abschluss der Korridorsanierung auch die S4 von/bis Rahlstedt fertigzustellen, ist weiterhin richtig. Das ist bis Dezember 2028 aber nicht mehr zu schaffen.“ Er fordert daher: „Die Korridorsanierung muss verschoben werden, damit wieder sinnvolle Synergieeffekte bei Korridorsanierung und S4-Bauarbeiten erzielt werden können, so wie es ursprünglich geplant war. Der Zeitraum der Korridorsanierung muss so gewählt werden, dass am Ende der damit verbundenen Totalsperrung auch die Gleise und Stationen für die S4 zumindest von/bis Rahlstedt fertiggestellt sind.“


Hintergrund

Das neue Elektronische Stellwerk Wandsbek soll für eine bessere Betriebsstabilität auf der Strecke Lübeck – Hamburg sorgen. Erst im Zuge der Generalsanierung der Strecke Lübeck – Hamburg, die voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2028 stattfinden wird, wird auch die Leit- und Sicherungstechnik im Abschnitt Rahlstedt – Ahrensburg modernisiert. Das ESTW Wandsbek soll dann auch die Aufgaben des alten Stellwerks in Rahlstedt übernehmen, das im Zuge der S4-Bauarbeiten abgerissen wird. Das Stellwerksgebäude wurde zudem so dimensioniert, dass es später auch noch einen Stellrechner für die beiden Gleise der neuen S-Bahn-Linie S4, die hier in den nächsten Jahren errichtet werden, aufnehmen kann.

Das zweistöckige Modulgebäude für das neue Elektronische Stellwerk ist in dem kleinen Wäldchen zwischen der Bahnstrecke und der Stein-Hardenberg-Straße entstanden, direkt an der zukünftigen S4-Station “Pulverhof”. Anders als die beiden bisherigen Relaisstellwerke, die 1982 in Betrieb genommen worden waren, wird das ESTW Wandsbek nicht mit Personal besetzt sein, sondern von der Betriebszentrale in Hannover aus ferngesteuert werden.


Bisherige Beiträge zum Thema:

Am Pulverhof: Elektronisches Stellwerk geht im Oktober 2026 in Betrieb (26. August 2025): https://www.buschhueter.de/am-pulverhof-elektronisches-stellwerk-geht-im-oktober-2026-in-betrieb/

Am Pulverhof: Hier entsteht ein neues Elektronisches Stellwerk (2. Juli 2023): https://www.buschhueter.de/am-pulverhof-hier-entsteht-ein-neues-elektronisches-stellwerk/

Bahn baut neues Elektronisches Stellwerk in Rahlstedt (23. Februar 2021): https://www.buschhueter.de/bahn-baut-neues-elektronisches-stellwerk-in-rahlstedt/


Schriftliche Kleine Anfrage „Inbetriebnahme des Elektronischen Stellwerks (ESTW) Wandsbek“ und Antwort des Senats vom 3. Juli 2026 (Drucksache 23/4597): https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/104429/23_04597

Schriftliche Kleine Anfrage „Inbetriebnahme des Elektronischen Stellwerks (ESTW) Wandsbek“ und Antwort des Senats vom 15. August 2025 (Drucksache 23/1109): https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/93919/23_01109

Die Planunterlagen für das Vorhaben „Neubau Stellwerksgebäude Wandsbek“ wurden im bezirklichen Ausschuss für Mobilität und Wirtschaft bereits am 19. September 2019 vorgestellt und können hier heruntergeladen werden: https://sitzungsdienst-wandsbek.hamburg.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1010747