Der zunehmende Umstieg auf E-Autos ist eine Chance für eine geringere Lärmbelastung im Straßenverkehr. Dieser positive Effekt verpufft jedoch, wenn Hersteller ihre Fahrzeuge mit künstlichem Lärm nachrüsten, um das Geräusch von Verbrennermotoren zu imitieren. Verschärft wird die Lärmbelastung durch aggressives „Autoposing“ mit absichtlich erzeugtem Motorenlärm. Die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen fordern deshalb für E-Autos ein bundesweites Verbot von künstlichem Lärm bei höherer Geschwindigkeit und unterstützen eine Bundesratsinitiative zur wirksameren Bekämpfung des sogenannten Autoposings. Über die rot-grüne Initiative entscheidet die Hamburgische Bürgerschaft in ihrer Sitzung am 16. September 2026.
Dazu Ole Thorben Buschhüter, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion Hamburg: „Technischer Fortschritt sollte Verkehrslärm reduzieren und ihn nicht künstlich wieder zurückholen. Gerade in einer dicht besiedelten Stadt ist es ein Gewinn, wenn der Umstieg auf Elektromobilität auch für weniger Lärm auf den Straßen sorgt. Die notwendigen Warngeräusche bei niedrigen Geschwindigkeiten dienen der Sicherheit und stehen nicht zur Diskussion. Darüber hinaus braucht es aber keinen künstlichen Motorsound, der allein den Charakter eines Verbrenners nachahmen soll. Diesen unnötigen Lärm wollen wir bundesweit unterbinden. Gleichzeitig unterstützen wir den Vorstoß, gezielter gegen Autoposing vorzugehen. Hamburg geht hier mit einer spezialisierten Polizeieinheit bereits konsequent vor. Klare Regeln auf Bundesebene sollen diesen Einsatz zusätzlich stärken.“
Dazu Rosa Domm, Sprecherin für Mobilität der Grünen Fraktion Hamburg: „Zu viel Lärm verursacht Stress und macht krank. Wer dauerhaft Straßenlärm ausgesetzt ist, hat ein höheres Risiko etwa für Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Deswegen verfolgen wir in Hamburg das Ziel, die Lärmbelastung im Straßenverkehr zu reduzieren. E-Autos können hier Abhilfe schaffen: Sie sind nicht nur effizient und klimafreundlich, sondern auch deutlich leiser als Verbrenner. Bei niedrigen Geschwindigkeiten erzeugen E-Autos aus Sicherheitsgründen zusätzlich künstliche Geräusche, damit sie beispielsweise von Fußgänger*innen gehört werden – das ist richtig und gut so. Überlegungen der Hersteller, E-Fahrzeuge auch bei höherem Tempo mit künstlichem Motorengeräusch nachzurüsten, sind jedoch ein Schritt in die falsche Richtung. Für alle, die von täglichem Straßenlärm geplagt sind, klingen solche Pläne wie ein schlechter Scherz. Deswegen setzen wir uns bei E-Autos für ein deutschlandweites Verbot von künstlichem Lärm ein, der lediglich der Nachahmung von Verbrennerautos dient. Außerdem wollen wir noch strenger gegen das sogenannte Autoposing vorgehen: Technisch manipulierte Fahrzeuge, aggressives Fahren und das absichtliche Erzeugen von Motorenlärm hat kein Platz auf Hamburgs Straßen.“
Hintergrund
Seit Juli 2021 müssen alle neu zugelassenen Elektroautos bei niedrigen Geschwindigkeiten künstliche Geräusche erzeugen, damit Fußgänger:innen und Radfahrer:innen vorgewarnt sind und die Fahrzeuge auch akustisch wahrnehmen können. Bei höheren Geschwindigkeiten ist dieser Schutz durch die Abrollgeräusche ausreichend gegeben. Die von Herstellern geplanten zusätzlichen künstlichen Geräusche dienen der Imitierung von Verbrennerautos und haben keinen zusätzlichen Mehrwert für die Sicherheit im Straßenverkehr.
Antrag „Reduktion von Lärmbelastung durch den Straßenverkehr“ von SPD und GRÜNEN vom 2. September 2026 (Drucksache 23/5211): https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/105102/23_05211_reduktion_von_laermbelastung_durch_den_strassenverkehr
Hallo Ole,
was genau heißt „Sicherheitsgeräusch bei niedriger geschwindigkeit“ und was genau heißt „kein Geräusch bei höherer Geschwindigkeit“?
Niemand nennt genaue Geschwindigkeiten in km/h, diese wären aber sehr interessant. Ganz besonders für Fußgänger, Radfahrer, Kinder und auch Personen mit Sinnesbehinderung. Dazu zählt aus meiner Sicht die Scherhörigkeit, bei Taubheit helfen Geräusche leider nicht. Gleiches gilt für verschiedene Stärken der Sehbehinderung und besonders bei kompletter Blindheit einer Person.
Durch Gespräche mit dieser Personengruppe weiß ich, dass viele Menschen Angst vor geräuschlosen Fahrrädern und Autos haben. Mit Warnton kann man einschätzen, wie hoch die maximale Geschwindigkeit eines Autos ist, bevor der Warnton verschwindet.
Bei schnelleren Autos ohne Warnton kann es aber auch zu Unfällen kommen, weil eine blinde Person dann nicht einschätzen kann, ob die Strasse im Wohngebiet ohne Ampel frei ist zur Überquerung.
Der Piepton beim Rückwärtsfahren von LKWs ist genau aus diesen Gründen überlebenswichtig und darf nicht abgeschafft werden.
Gruß, Katrin
Liebe Kathrin,
unterschieden wird zwischen zwei Varianten von künstlich erzeugten Geräuschen bei E-Autos:
AVAS (Acoustic Vehicle Alerting System, zu deutsch Fahrzeug-Warngeräusch-Generator): Hierbei handelt es sich um ein akustisches Warnsystem für geräuscharme Fahrzeuge, insbesondere für Elektroautos. Hierbei handelt es sich um ein künstlich erzeugtes Geräusch, das einem Verbrennungsmotor ähnelt. Es wird bei geringen Geschwindigkeiten abgestrahlt, um Verkehrsteilnehmer über das Fahrzeug zu informieren. Das hilft insbesondere Sehbehinderten und blinden Verkehrsteilnehmern, E-Autos bei geringen Geschwindigkeiten akustisch zu erkennen. Ab einer Geschwindigkeit zwischen 20 km/h und 30 km/h sind die Roll- und Windgeräusche des Fahrzeuges laut genug, um diese Rolle zu übernehmen. Elektro- und Hybrid-Kraftfahrzeuge müssen in der Europäischen Union seit 2014 mit einem AVAS ausgestattet sein. Das AVAS muss bei Geschwindigkeiten bis zu 20 km/h eingeschaltet sein, auch wenn das Auto rückwärts fährt. Das AVAS darf nicht abgeschaltet werden, da es ein Sicherheitsmerkmal ist. Darum geht es bei unserer Initiative nicht. AVAS steht nicht zur Diskussion. Und auch nicht der Piepton beim Rückwärtsfahren.
ESES (Exterior Sound Enhancing System, künstliche Soundgeneratoren für den Außenbereich): Hier geht es um Sound aus Spaß, um die Simulation von Verbrennergeräuschen oder futuristischen „Klangwelten“, ein- und ausschaltbar, ohne dass dieser der Verkehrssicherheit dienen würde. Wir sind der Meinung, dass das verboten gehört. Das ist kein Fortschritt, sondern Rückschritt.
Viele Grüße
Ole
Ich habe gerade gelesen, dass „Exterior Sound Enhancing System“ (ESES) eine EU Norm ist oder werden soll, die genau die künstlichen Aussenmotorgeräusche erst erlaubt. Manchmal fragt sich der geneigte Steuergeplagte in diesem Land, was mit den politischen Institutionen nicht stimmt. Dieses Fass haben also ihre gut bezahlten Kollegen (oder auch *Innen, wenn’s hilft) in Brüssel / Straßburg zu verantworten. Ich frage mich, warum die sich überhaupt mit so einem Unsinn erst auseinander gesetzt haben und 2. wenn’s EU-Norm ist, können wir uns dann darüber hinwegsetzen? Oder wollen Sie gleich die ER Norm wieder kippen?
Die Europäische Union ist gerade dabei eine neue Norm zu erarbeiten, um ESES (Exterior Sound Enhancing System, künstliche Soundgeneratoren für den Außenbereich) offiziell zu regulieren und nur unter strengen Auflagen zuzulassen. Hintergrund dafür ist wohl nicht zuletzt auch das Bestreben der Automobilindustrie, Rechtssicherheit für „sportliche Soundprofile“ zu erhalten. Wir sind der Meinung, dass künstlich erzeugter Lärm ganz verboten gehört. Für die Verkehrssicherheit hat sich AVAS (Acoustic Vehicle Alerting System) bei niedrigen Geschwindigkeiten bewährt.
Absolute Zustimmung! AVAS ist nützlich, wenn nicht lebensrettend, ESES hingegen ist künstliche Belästigung und überdies einfach nur unendlich peinlich: entweder der Klang ist echt – wie bei einem schönen Oldtimer, oder die Stille ist echt – wie bei einem modernen BEV oder Verbrenner. Verbrenner? So absurd es auch scheint: ja, auch bei einigen Verbrennern gibt es künstlich erzeugten Außensound.
Danke, dass Sie sich gegen diesen Quatsch stark machen!
Danke für Ihr Feedback. Sie bringen es auf den Punkt.
Parallel könnte dann doch gleich auch die Lautstärke des Piepsens beim Rückwärtsfahren reguliert werden. Ich höre schon, dass Amazon bald kommt, weil der Fahrer mehrere Hausnummern entfernt den Wendehammer zurück fährt. Definitiv zu laut
Ich verstehe, dass das Gepiepe beim Rückwärtsfahren nervt. Aber das ist ja kein technischer Schnickschnack, sondern höchst sicherheitsrelevant.