Der Stadtteil Rahlstedt fühlt sich abgehängt, meldete am Montag das Hamburger Abendblatt. Der etwas jammernd daherkommende Artikel verallgemeinert und suggeriert Objektivität, dabei reiht er nur einige aktuelle Themen aneinander und bleibt einen Beleg für seine These schuldig. Als Kommentar ginge er durch, man kann ja eine solche Meinung vertreten. Man kann Rahlstedt aber auch anders sehen. Eine Widerrede.

Rahlstedt (mit Oldenfelde und Meiendorf) ist ein lebenswerter und äußerst grüner Stadtteil. Rund 30% der Fläche Rahlstedts stehen unter Natur- oder Landschaftsschutz. Rahlstedt ist ein Stadtteil, in dem sehr gute Wohnlagen direkt neben Quartieren mit sozialem Wohnungsbau existieren. In Rahlstedt ist so etwas selbstverständlich, hier kennt man es nicht anders. Es gibt Gegenden mit viel Geld, und solche mit ganz wenig. Wir haben hier kein Chichi, sondern ausgeprägte Bodenständigkeit. Das schlägt sich nieder in Gelassenheit. Viele Rahlstedterinnen und Rahlstedter und die, die neu hierherziehen, schätzen genau das.

Der Stadtteil verfügt über ausgedehnte Einfamilienhausgebiete, darunter wunderschöne Villengebiete aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. In den letzten Jahren wurden in Rahlstedt viele neue Wohnungen gebaut. Ganz überwiegend durch Nachverdichtung und Umnutzung frei gewordener Flächen. Rahlstedt kann das ab. Das Bild Rahlstedts wird sich an der einen oder anderen Stelle verändern, in der Zukunft, wie schon in der Vergangenheit, der Charakter unseres schönen Stadtteils aber nicht!

Mit der Bahn ist man in nur 18 Minuten am Hauptbahnhof, mit dem Auto in unter einer Stunde an der Ostsee. Viele schätzen diese Lagegunst, die guten Schulen, die zahlreichen Kinderbetreuungsangebote, die vielfältigen Vereinssportmöglichkeiten, das Wohnen in einem ruhigen Stadtteil, der trotz seiner Größe irgendwie einen gewissen dörflichen Charakter bewahren konnte. Hier kennt man sich, hier gibt es ein ausgeprägtes Vereinsleben: zwei Bürgervereine, zwei Kulturvereine, mehrere Sportvereine, vier Freiwillige Feuerwehren, dazu zwei Bürgerhäuser, Treffpunkte und vieles mehr. Rahlstedt ist ein Stadtteil, der Familien anzieht.

Natürlich gibt es auch Defizite. Da ist zum einen der Rahlstedter Ortskern mit dem Einkaufszentrum, für den sich viele einen besseren Branchenmix wünschen. Wahr ist aber auch: Rahlstedt steht damit nicht allein. Ein verändertes Kaufverhalten („Geiz ist geil“ genauso wie die Zunahme des Internethandels) macht dem Ortskern Rahlstedt genauso zu schaffen wie vielen anderen Zentren. Dass die Geschäftsleute enger zusammenarbeiten wollen, ist daher nur zu begrüßen. Für den Standort Rahlstedt kann das nur von Vorteil sein. Man darf auch die positiven Seiten des Ortskerns erwähnen: Der Rahlstedter Wochenmarkt ist ein Publikumsmagnet, um den uns andere Stadtteile beneiden. Aktuell veranstaltet der Rahlstedter Kulturverein im Ortskern eine vielbeachtete Skulpturenausstellung. Und dass in Rahlstedt neue Geschäftshäuser entstehen und das Rahlstedt CENTER einen neuen Eigentümer gefunden hat, kann man auch so sehen: Investoren setzen auf den Standort Rahlstedt, sind der Meinung, dass hier mehr geht als bisher. Das macht Hoffnung.

Wenn es in Rahlstedt vor allem an etwas mangelt, dann ist es eine attraktive Schienenanbindung. Zwar fährt die Regionalbahn mitten durch den Stadtteil, doch leider nur alle 30 Minuten, sie ist verspätungsanfällig und am Hauptbahnhof ist Schluss. Dass sich das ändert, ist das erklärte Ziel der Politik im Hamburger Rathaus, über alle Fraktionsgrenzen hinweg. Rahlstedt soll den Anschluss ans S-Bahn-Netz erhalten, die Planungen laufen, ab 2024 soll die S4 im 10- und 20-Minuten-Takt Rahlstedt mit der Hamburger Innenstadt verbinden: schnell, zuverlässig und umsteigefrei. Von einem Bedeutungsverlust Rahlstedts für die Gesamtstadt kann keine Rede sein, im Gegenteil: Hamburg setzt auf Rahlstedt.

Von der S4 wird der Ortskern profitieren, genauso wie der Verkehr im Stadtteil. Der zukünftige S-Bahnhof im Zentrum wird Fahrgäste in den Ortskern lenken, was dem Einzelhandel guttun wird. Der prognostizierte starke Fahrgastzuwachs, im Vergleich zur heutigen RB81, geht auch auf das Konto von Autofahrern, die erst dann auf Bus und Bahn umsteigen, wenn das Angebot stimmt. Das Fahrgastpotenzial ist in Rahlstedt noch lange nicht ausgeschöpft.

Die Stadt investiert viel Geld in den Stadtteil Rahlstedt: Die Schulen werden in großem Stil saniert, das Rahlstedter Hallenbad aktuell für viel Geld erneuert und erweitert. Mit großem Aufwand saniert die Stadt nach und nach auch die Hauptverkehrsstraßen: Die Sieker Landstraße, die Rahlstedter Bahnhofstaße, die Scharbeutzer Straße, Stück für Stück die Rahlstedter Straße und den Höltigbaum. In 2017/2018 wird der letzte große Abschnitt der Meiendorfer Straße in Angriff genommen, weitere Straßen folgen. Dass dabei nicht nur für die Autofahrer die maroden Fahrbahnen in Ordnung gebracht werden, sondern auch die Geh- und Radwege, dass die Bushaltestellen barrierefrei werden, ist nur vernünftig. Wenn es in Rahlstedt mal zu Staus kommt, dann liegt das ganz bestimmt nicht an zu vielen Radfahrern, die nun häufiger auch auf Radfahrstreifen auf der Fahrbahn fahren. Nach anfänglichem Zögern sind sie zunehmend akzeptiert und werden mehr und mehr genutzt.

Rahlstedt ist mit fast 89.000 Einwohnern Hamburgs größter Stadtteil. Kein Wunder also, dass hier auch sehr viele Flüchtlinge aufgenommen werden, wenn es das erklärte Ziel ist, sie möglichst gleichmäßig auf das Stadtgebiet zu verteilen. Zum Stichtag 30.9.2016 lebten 1.671 Flüchtlinge in Rahlstedt. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl liegt Rahlstedt damit im hamburgweiten Durchschnitt. Die Platzzahlen wurden auch in Rahlstedt reduziert, denn der Flüchtlingskompromiss gilt für die ganze Stadt. Die Erstaufnahme Hellmesbergerweg verfügt nur noch über 400 statt 600 Plätze, die Schließung ist für Ende nächsten Jahres angekündigt. In der Erstaufnahme Rahlstedter Grenzweg wurde die Platzzahl von 960 auf 560 gesenkt.

Mit den Flüchtlingsunterkünften im Stadtteil gibt es keine nennenswerten Probleme. Das räumen häufig selbst diejenigen ein, die im Vorfeld den geplanten Unterkünften mit großer Sorge begegneten. Das liegt eben auch daran, dass es aus dem ganzen Stadtteil heraus viel Unterstützung für die Flüchtlingsunterkünfte gibt: Die vielen engagierten Ehrenamtlichen in Rahlstedt, Meiendorf und Oldenfelde leisten wichtige Integrationsarbeit, helfen, wo sie können, und sorgen damit für ein Klima im Umgang mit den Flüchtlingen, von dem der ganze Stadtteil profitiert. Dass sich die Willkommenskultur in Rahlstedt in Grenzen hält, kann daher nur jemand behaupten, der nicht hinter die Kulissen guckt. In Rahlstedt wird nicht viel Tamtam um die Flüchtlingshilfe gemacht, aber umso mehr wertvolle Arbeit geleistet, für die der Stadtteil Anerkennung und Lob verdient und nicht Genörgel.

Rahlstedt muss sich nicht abgehängt fühlen, aber Rahlstedt droht abgehängt zu werden, wenn der Stadtteil sich nicht weiterentwickelt und er nicht an der Entwicklung der Stadt teilnimmt. Wer will, dass alles so bleibt wie es ist, wer sich gegen den Bau neuer Wohnungen wendet, gegen ein neues Gewerbegebiet, gegen den Bau der S4, wer Rahlstedt unter eine Käseglocke stellen will, der sorgt am Ende tatsächlich dafür, dass Rahlstedt den Anschluss verliert. Wollen wir das? Ich nicht! Also packen wir es an und machen das Beste daraus.


Dieser Beitrag ist eine Antwort auf den Artikel “Rahlstedt fühlt sich abgehängt”, erschienen am 24. Oktober 2016 im Hamburger Abendblatt. Online ist der Artikel hier verfügbar: http://www.abendblatt.de/hamburg/wandsbek/article208482941/Der-Stadtteil-Rahlstedt-fuehlt-sich-abgehaengt.html