Antwort auf den Artikel „Farmsen hat Soll erfüllt“ im Hamburger Wochenblatt, Ausgaben Rahlstedt und Farmen-Berne/Oldenfelde, Nr. 33 vom 12. August 2015

In Oldenfelde soll es bald eine Flüchtlingsunterkunft geben, eine Jugendhilfeeinrichtung für 48 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Stargarder Straße. Dagegen macht eine „Bürgerinitiative Oldenfelde“ mobil. Nicht zu verwechseln mit dem „Bürgerverein Oldenfelde“! Haarsträubende Argumente werden vorgebracht, warum die Unterkunft gerade hier nicht möglich sein soll.

Dabei ist die Not so groß: Im Juli 2015 suchten 5.709 Menschen in Hamburg Schutz. 1.749 wurden nach dem Königsteiner Schlüssel in andere Bundesländer verteilt. 1.725 Personen wurden Hamburg zugewiesen, darunter 1.501 mit Unterbringungsbedarf. Hamburg steht unter großem Druck Unterkünfte für die Flüchtlinge zu schaffen. Jetzt im Sommer kann sich die Stadt noch mit Zelten behelfen. Aber bis zum Winter muss es dafür andere Lösungen geben.

Die Sache mit der gerechten Verteilung

Moniert wird, dass die Flüchtlingsunterkünfte im Bezirk Wandsbek ungleich verteilt seien. Helfen gern, aber bitte nicht hier, so kommt es rüber. Sollen die Menschen solange unter Brücken schlafen, bis wir die perfekt gleichmäßige Verteilung über das gesamte Stadtgebiet organisiert haben? Und was ist dafür eigentlich der Maßstab? Fläche? Bevölkerung? Wie kann man nur so technokratische Überlegungen anstellen, wenn es darum geht, Solidarität zu zeigen und Flüchtlinge vor Obdachlosigkeit zu schützen? In Oldenfelde, wo es bislang gar keine einzige Flüchtlingsunterkunft gibt, wurde eine geeignete Fläche gefunden. Dummerweise liegt sie direkt an der Grenze zu Farmsen, so dass sich der dortige Bürgerverein gleich berufen fühlte zu rufen: „Farmsen hat sein Soll erfüllt.“ Hier spricht der Buchhalter, so hört es sich an. Ist das eine angemessene Reaktion, wenn es darum geht, Menschen in Not zu helfen? Was für ein Bild vermittelt uns dieser Bürgerverein eigentlich von dem schönen Stadtteil Farmsen-Berne?

Im Übrigen gilt: Alle Stadtteile, im Bezirk Wandsbek also von Eilbek bis Wohldorf-Ohlstedt, von Hummelsbüttel bis Jenfeld, müssen sich darauf einstellen, Flüchtlinge zu beherbergen. Und so kommt es ja auch: Kürzlich hat die Bundeswehr Zelte für bis zu 420 Flüchtlinge im kleinen Stadtteil Wohldorf-Ohlstedt aufgestellt, jetzt folgen Zelte in Marienthal für 200 Menschen. Man sieht: Auch die wohlhabenden Stadtteile werden in die Pflicht genommen. Am Ende bleibt der Vorwurf, dass in Farmsen-Berne eine der ersten Unterkünfte eingerichtet wurde. Mit dem Vorwurf kann ich gut leben, irgendwo muss man ja anfangen. Und das teilweise leerstehende Pflegeheim und das Berufsförderungswerk boten sich dafür geradezu an, was keiner bestreitet.

Konkret Stargarder Straße

Sorgten sich einige Nachbarn vor ein paar Wochen noch darüber, dass ihre Grundstücke mit einer Flüchtlingsunterkunft in der Nachbarschaft an Wert verlieren würden, so sind sie sich jetzt nicht zu schade dafür, in die gesamte Welt hinauszuposaunen, dass sie direkt neben einer gefährlichen Müllkippe („Industrieabfälle!“) wohnen und dass so ein Ort für jugendliche Flüchtlinge ja doch wohl ungeeignet wäre. Ob der Hinweis auf die Müllkippe die Bodenpreise günstig beeinflusst? Wird man sehen. Was hat es nun aber mit der Mülldeponie auf sich? Laut Senat wurden dort von 1958 bis 1960 Haus- und Sperrmüll abgelagert. Die Altlast wurde bereits in den Jahren 1999 bis 2002 untersucht. Im Juni wurde nun eine erneute Bodenuntersuchung vorgenommen. Im Ergebnis liegen keine Überschreitungen der Prüfwerte für den Wirkungspfad Boden-Mensch und einer Nutzung als Wohngebiet vor. Also alles gut? Nein, empört sich die örtliche FDP-Bürgerschaftsabgeordnete, die aus ihrer Ablehnung dieser Flüchtlingsunterkunft keinen Hehl macht: Für Kinderspielplätze gelten strengere Werte und die würden hier sehr wohl überschritten. Mal im Ernst: Sorgen sich die Bürgerinitiative und die FDP-Abgeordnete tatsächlich um das gesundheitliche Wohlergehen der jungen Flüchtlinge? Warum sorgen sie sich nicht gleichermaßen um die Gesundheit einheimischer Kinder, die in den benachbarten Kleingärten spielen? Die befinden sich genauso auf der alten Mülldeponie und haben sich damit arrangiert. Wenn man die Argumente der Gegner der Flüchtlingsunterkunft zum Maßstab nimmt, dann müsste die Kleingartenanlage sofort geschlossen und abgeräumt werden. Daran merkt man, wie herzlos die Gegner sind und was ihr eigentliches Ziel ist: Diese Unterkunft an diesem Standort mit allen Mitteln zu verhindern.

Apropos Bürgerinitiative, es geht auch anders

Der Begriff Bürgerinitiative war mal positiv besetzt, heutzutage versammeln sich hinter diesem Begriff nur Leute, die irgendetwas verhindern wollen. Mal ist man gegen Schweinezuchtanlagen und Hochspannungsleitungen, ein andermal gegen Kindergärten oder Sterbehospize. Nun also gegen die Flüchtlingsunterkunft in der Stargarder Straße. Die Haltung der Bürgerinitiative halte ich nicht für klug. Denn soziale Ausgrenzung ist der Nährboden für Probleme. Wenn man so an die Sache herangeht wie die Bürgerinitiative, dann werden die Sorgen und Ängste, die sie sich macht, zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Na toll. Damit das nicht passiert, muss man den jungen Menschen stattdessen mit grundsätzlichem Wohlwollen und mit Respekt und Verständnis begegnen. Viele Bürgerinnen und Bürger sind bereit dazu. Ich erwarte nicht von jedem, dass er Flüchtlinge mit offenen Armen begrüßt. Aber ich erwarte von denjenigen, denen das schwer fällt, Dankbarkeit gegenüber den anderen, die dafür sorgen, dass die Flüchtlinge, die bei uns Schutz suchen, ihn auch tatsächlich erhalten. Und zwar nicht nur durch Kost und Logis, das organisiert die Stadt, sondern durch menschliche Wärme, durch Solidarität und Akzeptanz. Letzteres ist Aufgabe der Zivilgesellschaft. Und die gibt es auch in Oldenfelde. Die Helfer und Unterstützergruppen versammeln sich am Runden Tisch, den die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Meiendorf-Oldenfelde initiiert hat. Und viele Oldenfelder Bürgerinnen und Bürger engagieren sich bereits in der Gruppe (nicht Bürgerinitiative!) OH-JA (Oldenfelde hilft jugendlichen Asylbewerbern). Darauf bin ich sehr stolz.